Ein Wort an Nichtwähler und Nichtmehrwähler


Sicher haben Sie auch schon folgende oder ähnliche Sprüche gehört:

  • Sie schenken den falschen Leuten ihre Stimme, wenn Sie nicht zur Wahl gehen!
  • Sie versorgen vermutlich genau die Politiker und die Partei mit einem höheren Stimmenanteil, die Sie niemals wählen würden!
  • Wenn sie keiner Partei, keiner Politikerin und keinem Politiker Ihre Stimme geben möchten, dann müssen Sie auf jeden Fall zur Wahl gehen und Ihren Stimmzettel ungültig machen!

Was ist dran an solchen Aussagen?

Ich beweise Ihnen die Richtigkeit der Aussagen mit nachfolgender einfachen Rechnung: Das ganze Geheimnis besteht darin, dass ein prozentuales Wahlergebnis nicht nach der Gesamtzahl aller Wahlberechtigten errechnet wird, sondern nach der viel geringeren Anzahl der tatsächlich abgegebenen gültigen und ungültigen Stimmen.

Beispielrechnung A
Der Einfachheit halber nehmen wir einmal an, es gäbe eine Million (1.000.000) Stimmen (Wahlberechtigte) und 60% der Wahlberechtigten gehen zur Wahl, so, wie es heutzutage ein realistisch anzunehmender Wert ist. Also stimmen 600.000 verantwortungsbewusste Bürgerinnen und Bürger ab. 400000 Stimmen der Nichtwähler werden nicht gewertet, weil nicht abgegeben und somit nicht existent. Die Berechnungsgrundlage bilden also nur 600.000 Stimmen.

Partei X erhält 310.000 von den 600.000, also gut die Hälfte der Stimmen, das sind 51,7%.
Partei Y erhält 190.000 von den 600.000, also knapp ein Drittel der Stimmen, das sind 31,7%.
Partei Z erhält 100.000 von den 600.000, also ein Sechstel der Stimmen, das sind 16,6%.

Die große Partei der Nichtwähler, 40% der Stimmen, werden nicht gewertet.

Beispielrechnung B
Wir bleiben bei unserer Million Wahlberechtigter. Diesmal gehen aber auch die Frustrierten zur Wahl und machen ihren Wahlschein durch ein großes Kreuz oder sonst wie ungültig. Der Wahlzettel wird auf jeden Fall als abgegebene Stimme mitgezählt, auch wenn sie ungültig ist. Diesmal werden also 1000000 (eine Million) Stimmen ausgezählt. Die abgegebenen Stimmenzahlen für die Parteien bleiben gleich. Die entscheidenden Prozentzahlen verändern sich aber erheblich, weil diesmal 40% der Wahlberechtigten mit gewertet werden. Bitte vergleichen Sie nun die prozentualen Werte der einzelnen Parteien.

Partei X erhält wieder ihre 310.000 Stimmen. Nun allerdings von 1.000.000 abgegebenen Stimmen, das sind dann nur noch 31,0%, statt 51,7%.
Partei Y erhält wieder ihre 190.000 Stimmen, von nunmehr 1.000.000 abgegebener Stimmen, das sind dann nur noch 19,0%, statt 31,7%.
Partei Z erhält wieder ihre 100.000 Stimmen, von nunmehr 1.000.000 abgegebener Stimmen, das sind dann nur noch 10,0%, statt 16,6%.

Die ehemals 40% »ungültiger Stimmen« sind nun eingerechnet. Diese sind nach diesem Beispiel nun aber keineswegs wertlos. Sie werden mitgezählt. Sie sehen selbst wie entscheidend die »ungültigen Stimmen« die Wahl beeinflusst haben. Zum Beispiel kann die große Partei nicht mehr allein regieren, weil sie meilenweit von den zur Bildung einer Regierung notwendigen 50%+ weg ist. Keine Partei kann mit hohen Prozentzahlen glänzen. Erst nun wird deutlich, was die Parteien tatsächlich wert sind.

Fakt ist, dass nicht abgegebene Stimmen die Prozentergebnisse der Parteien erhöhen. Sie erreichen durch Ihr Fernbleiben also genau das Gegenteil, denn eigentlich wollten Sie der Politik oder den Politikern doch einen Denkzettel verpassen.

Also liebe Leidensgenossen und Leidensgenossinnen, auch ich habe schon Wahlen geschwänzt, weil ich die Schnauze einfach voll hatte von leeren Versprechungen und hohlen Geschwätzen. Auch ich habe mich schon von keinem Politiker und von keiner Partei vertreten gefühlt und gedacht, man könnte seine Verdrossenheit nur durch Nichtwahl wirksam äußern. Das ist falsch. Der richtige Weg ist tatsächlich, zur Wahl zu gehen und seinen Stimmzettel anzukreuzen.

Man muss ihn auch nicht ungültig machen, man kann natürlich auch irgendeine Splitterpartei wählen, oder eine, die annähernd den eigenen Vorstellungen entspricht, die gibt es bestimmt in der deutschen Parteienlandschaft. Wenn man die Auswirkungen des Nichtwählens kennt, ist es dumm und verantwortungslos nicht zur Wahl zu gehen.

Also liebe Wählerinnen und Wähler, wählen ist die erste Bürgerpflicht, bitte gehen Sie zu jeder Wahl. Auf jeden Fall ist es besser irgendwen, irgendwas oder bewusst ungültig zu wählen, als seine Stimme den Falschen zu schenken.

Andere Länder, vor allem jüngere Demokratien, sind in ihrem Wahlrecht weiter als Deutschland: Wenn dort nicht mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten zur Wahl geht, ist eine Wahl ungültig und muss wiederholt werden.
Das deutsche Wahlrecht ist leider so konstruiert, dass selbst dann, wenn nur noch die politisch Verantwortlichen allein zur Wahl gehen und sich selbst wählen, eine gültige Wahl stattgefunden hat. Machen wir das Beste draus.